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Mutti sag, wer macht die Burnouts?

Mutti sag, wer macht die Burnouts?

Ein Burnout kommt häufig dann, wenn man sich zerquetschen lässt zwischen Erwartungen und Möglichkeiten. Den eigenen Erwartungen und den Erwartungen anderer. Den eigenen Möglichkeiten und den von außen bestimmten. Bildlich gesprochen steht man mit dem Rücken zur Wand und ein Laster rast auf einen zu. Wenn man dann stehen bleibt, ist es ein fast untrügliches Anzeichen für einen Burnout.

Man muss allerdings gar nicht stehen bleiben. Man kann immer noch einen eleganten Schritt zur Seite machen. Ich darf das so lapidar sagen – weil ich auch blöd genug war, stehen zu bleiben. Und rückblickend war es ganz genau so einfach: Ich hätte nur einen Schritt zur Seite machen müssen.

Stress und Schlaf und die ersten Anzeichen für einen Burnout

Der Burnout ist ein gesellschaftliches Phänomen geworden. Die Zeit um uns rast. Anforderungen und Konkurrenz werden immer höher und mit ihnen der innere Druck, allem gerecht zu werden und an der Spitze zu bleiben. Männer sollen Karriere machen, gute Väter und Ehemänner sein, außerdem auch noch Zeit für ein Hobby und die Kumpels haben und allgemein gut darüber informiert sein, was so in der Welt passiert. Ach, und dann wäre da noch die Sache mit der körperlichen Fitness. Wo krieg ich denn jetzt den Sport noch unter?!

Viel Stress und wenig Schlaf sind zu Statussymbolen geworden. Stress heißt, dass man offensichtlich Karriere macht. Schlaf kostet Zeit. Die hat man heute nicht mehr. Auf die Spitze getrieben wird es durch Schlafmodelle, wie den Uberman: sechs mal 20 Minuten schlafen. Bleiben pro Tag noch 22 Stunden, die man produktiv sein kann. Toll! Selbst, wenn die wenigsten so weit gehen, gehört man morgens im Büro nicht mehr dazu, wenn man sagt, dass man letzte Nacht 8 Stunden geschlafen hat. Wer Zeit hat, 8 Stunden zu schlafen, hat doch irgendwie keine Ziele.

Was auf der Strecke bleibt – ist Ruhe. Allein das Smartphone verhindert sie schon. Mails, soziale Netze, Kurznachrichtendienste. Ach, und telefonieren kann man mit den Dingern auch noch. Wir sind immer erreichbar, immer vernetzt, immer mit Informationen überversorgt. Gesellschaftliche Zwänge lassen uns unter die sinnlosesten Posts einen ebenso sinnlosen Kommentar schreiben.

Der Körper beginnt diesen rasenden Rhythmus zu übernehmen. Der Herzschlag kommt nicht mehr zur Ruhe, die Konzentration lässt nach, weil man von einer Aufgabe zur nächsten springt, Nervosität macht sich breit und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Das sind die Anzeichen für einen Burnout.

Der Steinzeittrottel im digitalen Zeitalter

Das Problem an der Geschichte ist folgendes: Der Mensch ist für diese Art der Geschwindigkeit nicht ausgelegt. Mit einem C64 kann man nicht ins Internet. Unsere Körper und unser Verstand sind nach wie vor auf Steinzeit programmiert. Die Entwicklungen der letzten 30 Jahre haben Fred Feuerstein endgültig überholt. Die 200 Jahre davor sind wir schon auf Reserve gelaufen. Wir können weder mit der Masse an Informationen umgehen, noch mit den fehlenden Ruhephasen. Dafür reicht unsere Konzentrationsfähigkeit nicht aus. Egal, wie sehr irgendjemand daran glaubt: der Mensch ist kein Multitasker. Nein, auch Frauen nicht. In unserem Hirn steckt ein uralter Prozessor. Mit einem einzelnen Kern. Parallele Verarbeitung unmöglich. Upgrade in den nächsten paar Jahrhunderten von der Natur wohl nicht vorgesehen. Die ständigen Ablenkungen sorgen dafür, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen seit einigen Jahren unter der des Goldfisches liegt. Kein Scherz. Und der Goldfisch verfügt zusätzlich noch über eine Wasserkühlung.

Der Mensch nicht. Wir schieben tausende von Aufgaben durch unseren Prozessor ohne ihn mal abkühlen zu lassen. Resultat: der Prozessor wird überlastet und ist nicht mehr in der Lage, die einfachsten und offensichtlichsten Entscheidungen zu treffen.

Zum Beispiel die, einfach mal einen Schritt zur Seite zu gehen, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und ein Laster auf einen zurast.

Was hat das jetzt mit Bärten zu tun?

Eigentlich herzlich wenig. Und doch ganz furchtbar viel. Der Weg aus der Leistungshetze und der Burnout-Spirale sind kleine Momente der Ruhe, in denen der Prozessor abkühlen kann. Es geht also darum, kleine Rituale im Leben zu integrieren, die zur Ruhe zwingen. Die Raum und Zeit lassen, den Prozessor abzukühlen, sich selbst in die Augen zu sehen und sich zu fragen: „Was zur Hölle mach ich eigentlich? Und ist das noch das, was ich will und was sinnvoll ist?“

Ob du dafür anfängst, dir die Zehennägel zu lackieren oder einen Bart wachsen zu lassen, bleibt dir überlassen. Aber mach was! Der Bart hätte den zusätzlichen Vorteil, dass er dein Ego pusht. Wenn dir das mit den Zehennägeln auch gelingt, dann kauf dir ein paar schicke Flip-Flops dazu. Geht für mich vollkommen in Ordnung!

Die Bartpflege zum Runterkommen

Es ist völlig unmöglich, einen Bart zu pflegen ohne gleichzeitig das Ego darunter zu streicheln. Selbst, wenn der Bart am Anfang nicht so dicht wächst, wie du es gerne hättest. Gib ihm Zeit und Ruhe und er wird wachsen. Und auf dem Weg dorthin wird er schon anfangen, dir Zeit und Ruhe zu schenken. Und eben diese Ruhe brauchst du, um im digitalen Zeitalter nicht zerquetscht zu werden.

Gewöhn dir an, dein Handy nicht mit ins Bad zu nehmen. Mach aus jeder Rasur ein Ritual, das du bewusst erleben kannst. Genieß die unterschiedlichen Rhythmen. Zum Beispiel beim Anrühren des Rasierschaums und beim Abziehen des Rasiermessers. Sieh zu, dass dir alle Utensilien, die zu diesem Ritual gehören, durch und durch gefallen. Du musst sie gerne ansehen, anfassen und riechen wollen. Blasphemisch oder nicht: aber genau so wird aus jedem einzelnen Schritt deiner Bartpflege ein nahezu religiöses Ritual, das dich feiert. In diesen Momenten, die dir und deinem Bart gehören, wirst du zum Mittelpunkt des Universums.

Und gleichzeitig läuft der Prozessor leer. Je länger du dieses Ritual pflegst, umso selbstverständlicher wird es ablaufen. Es braucht dann keine bewusste Aufmerksamkeit mehr und wird zum unterbewussten Genuss, der dir Ruhe gibt, dich auf dich selbst zu konzentrieren.

Die Bartpflege als Schubfeder

Ganz genau diese Stimmung ist eine Schubfeder mit einer außergewöhnlichen Kraft und Stärke. Auch wenn man das natürlich niemals laut aussprechen darf, aber es handelt sich um eine Form der Meditation. Die Dinge erscheinen auf einmal klarer, wenn du ausschließlich mit deinem Bart beschäftigt bist und das Bewusstsein leer läuft. Du erkennst Zusammenhänge, die du vorher nicht gesehen hast und findest Lösungen für Probleme, die du nicht einmal erkannt hattest.

Und bemerkst vielleicht sogar, wie sinnlos es ist, mit dem Rücken an der Wand stehen zu bleiben, obwohl ein Laster auf dich zurast.

 

 

Photo by Anthony Tori on Unsplash

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